Die Wurzeln des Yoga
Was Yoga heute ist, woher es kommt & warum dieses Wissen wichtig ist
Yoga ist kein modernes Trainingskonzept und kein zeitlos unveränderliches System.
Was wir heute als Yoga praktizieren, ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die sich über viele Jahrhunderte – teils Jahrtausende – erstreckt. Yoga ist dabei weniger eine feste Methode als vielmehr eine lebendige Tradition, die sich immer wieder neu an kulturelle, gesellschaftliche und menschliche Bedingungen angepasst hat.
Ein Blick auf die Wurzeln des Yoga hilft, die heutige Praxis besser einzuordnen: ohne sie zu romantisieren, aber auch ohne sie auf reine Körperarbeit zu verkürzen.
Yoga vor der Körperpraxis
Die frühen Formen des Yoga entstanden im alten Indien und waren zunächst keine Bewegungslehre. In den vedischen Texten und den späteren Upanishaden stand die innere Erfahrung im Zentrum: Bewusstsein, Wahrnehmung, Atem, Meditation und die Frage nach dem Wesen des Selbst.
Yoga bedeutete hier vor allem, den Geist zu sammeln und das eigene Erleben zu erforschen. Körperhaltungen spielten höchstens eine unterstützende Rolle – etwa als Sitz für Meditation. Der Körper wurde nicht ignoriert, stand aber nicht im Fokus.
Yoga als Weg der Selbsterkenntnis
In diesen frühen philosophischen Strömungen ging es um grundlegende Fragen menschlicher Existenz:
Wie entsteht Leiden? Wie kann es gemildert werden? Wie hängen Denken, Wahrnehmung und Identität zusammen?
Yoga war ein Weg der Selbsterkenntnis, nicht der Selbstoptimierung. Praxis bedeutete, innezuhalten, zu beobachten und sich in Beziehung zu setzen – mit dem eigenen Erleben und mit der Welt.
Yoga im Leben: die Bhagavad Gita
Mit der Bhagavad Gita wurde Yoga stärker in den Alltag eingebettet. Yoga erscheint hier nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als bewusste Haltung im Handeln, in Beziehung und Verantwortung.
Verschiedene Yogawege werden beschrieben – Erkenntnis, Hingabe und Handeln – und machen deutlich: Yoga ist kein Entweder-oder. Es ist ein integrativer Weg, der Denken, Fühlen und Handeln miteinander verbindet.
Ordnung und Struktur: Patanjali’s achtgliedriger Pfad
Eine systematische Darstellung erhielt Yoga mit dem Yogasutra.
Patanjali beschreibt den sogenannten achtgliedrigen Pfad, der ethische Grundlagen, Körper- und Atemübungen sowie meditative Zustände umfasst.
Bemerkenswert ist dabei die Gewichtung:
Asana ist ein Teil des Weges, nicht sein Mittelpunkt.
Körperhaltungen dienen der Stabilität und Vorbereitung – für Konzentration, innere Klarheit und geistige Sammlung.
Diese Perspektive relativiert das heutige, oft stark körperbetonte Yogaverständnis und öffnet den Blick für Yoga als umfassende Praxis.
Der Körper wird zum Zugang
Erst deutlich später, etwa ab dem ersten Jahrtausend nach Christus, veränderte sich der Umgang mit dem Körper grundlegend.
In tantrischen Traditionen wurde der Körper nicht länger als Hindernis betrachtet, sondern als wesentlicher Zugang zu Wahrnehmung, Energie und Bewusstsein.
Atem, Bewegung, Sinneserfahrung und innere Ausrichtung wurden bewusst miteinander verbunden.
Diese Haltung legte den Grundstein für das, was später als Hatha Yoga bekannt wurde.
Hatha Yoga: eine mittelalterliche Entwicklung
Die erste bedeutende Schrift des Hatha Yoga, die Hatha Yoga Pradipika (Swami Svatmarama), entstand im Mittelalter, etwa im 14. Jahrhundert.
Sie stellt keine „Ursprungsform“ des Yoga dar, sondern eine konkrete Weiterentwicklung mit klarem körperlich-energetischem Fokus.
Beschrieben werden unter anderem:
Asana (Körperhaltungen)
Pranayama (Atemarbeit)
Reinigungstechniken
energetische Praktiken wie Mudras und Bandhas
Hatha Yoga wird nicht als Ziel an sich beschrieben, sondern als Vorbereitung:
Der Körper wird so geschult, dass Ruhe, Sammlung und Klarheit überhaupt entstehen können.
Der Ansatz ist pragmatisch und zeitlos.
Ein angespannter Körper, ein flacher Atem oder ein dauerhaft aktiviertes Nervensystem machen innere Präsenz schwer zugänglich. Hatha Yoga setzt genau hier an – nicht theoretisch, sondern über direkte Erfahrung.
Man könnte sagen:
Der achtgliedrige Pfad beschreibt die innere Ausrichtung – Hatha Yoga stellt die körperlichen Bedingungen her, damit diese Ausrichtung im Alltag tragfähig wird.
Yoga im Westen: Wandel und Vielfalt
Im 20. Jahrhundert begann die weltweite Verbreitung des Yoga, insbesondere im Westen. Dabei vermischten sich traditionelle Yogapraktiken mit Einflüssen aus Gymnastik, Tanz, Medizin und moderner Psychologie. Es entstanden zahlreiche Yogastile mit sehr unterschiedlicher Ausrichtung.
Diese Entwicklung machte Yoga zugänglicher, veränderte aber auch den Schwerpunkt: Die körperliche Praxis rückte zunehmend in den Vordergrund, während philosophische und meditative Aspekte teilweise in den Hintergrund traten.
Warum Herkunft und Kontext zählen
Yoga ist wandelbar – und genau darin liegt seine Stärke. Gleichzeitig gewinnt die Praxis an Tiefe, wenn ihre kulturellen und historischen Zusammenhänge bekannt sind.
Dieses Wissen schützt vor Vereinfachung und ermöglicht einen respektvollen, zeitgemässen Umgang mit der Tradition.
Yoga heute - im FREI:RAUM-Verständnis
Ich verstehe Yoga als verkörperte, alltagsnahe Praxis, die ihre Wurzeln kennt und sie umsetzbar in die Gegenwart übersetzt.
Die yogische Tradition dient mir dabei nicht als starres Regelwerk, sondern als Orientierung und Bezugsrahmen.
Die philosophischen und praktischen Grundlagen des Yoga – von den frühen meditativen Wegen über den achtgliedrigen Pfad bis hin zum Hatha Yoga – bilden den Boden meiner Arbeit.
Sie erinnern mich daran, dass Yoga immer mehr war als Bewegung: ein Weg der Wahrnehmung, der Beziehung und der Selbstregulation.
Die Wurzeln des Yoga einzubeziehen bedeutet für mich nicht, alte Konzepte unkritisch zu übernehmen oder zu idealisieren.
Vielmehr geht es darum, zentrale Prinzipien ernst zu nehmen:
Yoga als Erfahrungsweg, nicht als Leistungsmodell
den Körper als Zugang, nicht als Objekt
Praxis als Beziehung – zu mir selbst, zum Atem, zum Leben
Diese Haltung prägt sowohl meinen Unterricht als auch meine therapeutische Arbeit.