Stille - eine innewohnende Ressource
Yogatherapie & Somatic Coaching als Zugang zur Selbstregulation
Stille ist kein Zustand, den wir herstellen müssen.
Sie ist eine Fähigkeit unseres Nervensystems – und eine innewohnende Ressource, die jederzeit verfügbar ist, auch wenn sie im Alltag oft überdeckt wird.
In einer Welt permanenter Reizverfügbarkeit wird Stille häufig mit Abwesenheit verwechselt.
Aus neurobiologischer und somatischer Perspektive ist Stille jedoch etwas anderes: ein innerer Regulationsraum, in dem Wahrnehmung, Verarbeitung und Selbstorganisation möglich werden.
Gerade in der Yogatherapie und im Somatic Coaching spielt diese Form von Stille eine zentrale Rolle.
Stille aus medizinischer und neurowissenschaftlicher Sicht
Das menschliche Nervensystem ist nicht dafür gemacht, dauerhaft im Aktivierungsmodus zu bleiben. Stress, hohe Informationsdichte und emotionale Daueranspannung führen zu einer chronischen Aktivierung des sympathischen Nervensystems – mit messbaren körperlichen und psychischen Folgen:
erhöhter Muskeltonus
veränderte Atemmuster
erhöhte Cortisolspiegel
eingeschränkte Interozeption (Körperwahrnehmung)
reduzierte emotionale Regulationsfähigkeit
Neurowissenschaftliche Studien zeigen: Phasen innerer Stille aktivieren das Default Mode Network (DMN) – ein neuronales Netzwerk, das für Selbstwahrnehmung, Integration von Erfahrungen, Gedächtnisverarbeitung und emotionale Kohärenz zuständig ist.
Entscheidend dabei: Dieses Netzwerk wird nicht durch Anstrengung aktiviert, sondern durch Pausen, Reizreduktion und absichtslose Aufmerksamkeit.
Stille ist kein Leerlauf, sondern ein hochaktiver Integrationszustand.
Psychologische Perspektive: Stille als Grundlage von Selbstwahrnehmung
Psychologisch betrachtet ist Stille der Raum, in dem innere Signale wieder wahrnehmbar werden.
Emotionen, Bedürfnisse und körperliche Impulse entstehen oft leise – sie werden jedoch im Alltag leicht übertönt.
Forschung aus der Emotions- und Stresspsychologie zeigt:
Erst wenn Reizdichte sinkt, steigt die Fähigkeit zur differenzierten Emotionswahrnehmung.
Stille unterstützt:
emotionale Klarheit
Selbstmitgefühl
kognitive Flexibilität
Entscheidungsfähigkeit
Im therapeutischen Kontext ist sie daher keine Ergänzung, sondern eine Voraussetzung für nachhaltige Selbstregulation.
Somatic Coaching: Stille als verkörperte Regulation
Im Somatic Coaching wird Stille nicht als mentaler Zustand verstanden, sondern als körperlich erfahrbarer Prozess.
Typische Zeichen regulierender Stille sind:
vertiefter, spontaner Atem
reduzierte muskuläre Grundspannung
feinere Wahrnehmung von Gewicht, Kontakt und Raum
natürliche Pausen zwischen Bewegungen
Diese Form von Stille entsteht nicht durch „ruhig sein“, sondern durch Zuwendung zum Körper.
Durch Wahrnehmen statt Korrigieren. Durch Bewegung, die Raum lässt. Der Körper reguliert – wenn man ihn lässt.
Stille in der Yogatherapie: kein Ziel, sondern Wirkung
In der Yogatherapie wird Stille nicht angestrebt. Sie ergibt sich als Wirkung eines passenden therapeutischen Rahmens.
Sanfte Asana-Sequenzen, funktionelle Übergänge, bewusste Atemführung und ausreichend Zeit für Nachspüren schaffen Bedingungen, unter denen das Nervensystem Sicherheit erfährt. Erst dann wird Stille möglich.
Entscheidend sind:
individuelle Dosierung
Anpassung an Belastbarkeit und Tagesform
keine Überforderung durch Technik oder Tempo
Stille ist kein Idealzustand, sondern ein dynamischer Prozess, der sich mit dem Leben bewegt.
Stille kultivieren – ohne sie festzuhalten
Stille lässt sich nicht herstellen. Aber sie lässt sich einladen:
in zweckfreien Pausen
in Bewegung, die Raum zum Zuhören lässt
durch Atem, der je nach Kontext wahrgenommen, begleitet oder gezielt geführt wird
durch Offenheit gegenüber dem, was sich zeigt
Der Körper weiss oft mehr, als der Kopf gerade erklären kann.