Stille - eine innewohnende Ressource

 

Yogatherapie & Somatic Coaching als Zugang zur Selbstregulation

Stille ist kein Zustand, den wir herstellen müssen.


Stille ist kein Zustand, den wir herstellen müssen.

Sie ist bereits angelegt – als Fähigkeit unseres Nervensystems, sich zu regulieren, zu verarbeiten und in Balance zu kommen.

Im Alltag ist diese Fähigkeit oft überdeckt: durch Reize, Tempo, Anforderungen.

Was wir als „Stille“ erleben, ist aus fachlicher Perspektive kein Leerlauf, sondern ein Zustand, in dem zentrale Prozesse im Körper überhaupt erst möglich werden.

 

Stille aus neurobiologischer Sicht: Regulation statt Leere

Das menschliche Nervensystem ist nicht dafür gemacht, dauerhaft im Aktivierungsmodus zu bleiben.

Chronischer Stress führt zu einer anhaltenden Aktivierung des sympathischen Nervensystems – mit messbaren Folgen:

  • erhöhter Muskeltonus

  • veränderte Atemmuster

  • erhöhte Cortisolspiegel

  • eingeschränkte Körperwahrnehmung

  • reduzierte emotionale Regulationsfähigkeit

Diese Zusammenhänge sind gut dokumentiert (McEwen, 2007).

Gleichzeitig zeigt die Neurowissenschaft, dass in reizarmen, nicht-aufgabenbezogenen Zuständen ein spezifisches neuronales Netzwerk aktiv wird: das Default Mode Network.

Dieses Netzwerk ist beteiligt an:

  • Selbstwahrnehmung

  • Gedächtnisverarbeitung

  • Integration von Erfahrungen

  • innerer Orientierung

(Raichle et al., 2001; Buckner et al., 2008)

Entscheidend ist:
Dieses Netzwerk wird nicht durch Anstrengung aktiviert, sondern durch Pausen, Reizreduktion und offene Aufmerksamkeit.

Stille ist daher kein passiver Zustand – sondern ein aktiver Integrationsraum.

 

Psychologische Perspektive: Stille als Voraussetzung für Selbstwahrnehmung

Viele innere Prozesse sind leise.

Emotionen, Bedürfnisse oder körperliche Signale entstehen oft subtil – und gehen im Alltag leicht unter.

Forschung zur Emotionsverarbeitung und Achtsamkeit zeigt:

  • Reduzierte Reizdichte verbessert die Selbstwahrnehmung

  • Innere Aufmerksamkeit erhöht die emotionale Differenzierungsfähigkeit

  • Präsenz im Moment verändert die Art, wie wir uns selbst wahrnehmen

(Farb et al., 2010; Tang et al., 2015)

Stille unterstützt damit:

  • emotionale Klarheit

  • Selbstmitgefühl

  • Entscheidungsfähigkeit

  • kognitive Flexibilität

Sie ist im therapeutischen Kontext keine Ergänzung – sondern Grundlage.

Ein zentraler Mechanismus dabei ist die Interoception – also die Fähigkeit, innere Körperzustände wahrzunehmen.

Sie bildet die Basis für:

  • Selbstregulation

  • emotionale Verarbeitung

  • Körperbewusstsein

(Craig, 2002)

Unter Stress ist diese Wahrnehmung häufig eingeschränkt oder verzerrt (Schulz & Vögele, 2015).

Stille schafft Bedingungen, in denen diese Wahrnehmung wieder zugänglich wird.

 

Somatic Coaching: Stille als verkörperter Prozess

Im Somatic Coaching wird Stille nicht als mentaler Zustand verstanden, sondern als körperlich erfahrbarer Prozess.

Typische Zeichen regulierender Zustände sind:

  • ein vertiefter, spontaner Atem

  • reduzierte muskuläre Grundspannung

  • feinere Wahrnehmung von Kontakt und Raum

  • natürliche Pausen zwischen Bewegungen

Diese Prozesse lassen sich gut mit Modellen der autonomen Regulation erklären, etwa im Rahmen der Polyvagal Theory (Porges, 2011).

Wichtig dabei:
Stille entsteht nicht durch „ruhig sein müssen“.

Sondern durch Zuwendung.
Durch Wahrnehmen statt Korrigieren.

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Stille in der Yogatherapie: Wirkung statt Ziel

Auch in der Yogatherapie wird Stille nicht angestrebt – sie entsteht.

Durch einen Rahmen, der dem Nervensystem Sicherheit vermittelt:

  • individuell angepasste Bewegung

  • bewusste Atemführung

  • ausreichend Zeit für Integration

  • Orientierung an aktueller Belastbarkeit

Meditations- und Achtsamkeitsforschung zeigt, dass genau solche Zustände mit Veränderungen in neuronalen Netzwerken und verbesserter Selbstregulation einhergehen (Brewer et al., 2011; Tang et al., 2015).

Stille ist damit kein Idealzustand, sondern ein dynamischer Prozess.

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Stille kultivieren – ohne sie festzuhalten

Stille lässt sich nicht herstellen.
Aber sie lässt sich einladen.

Zum Beispiel:

  • in bewussten Pausen ohne Ziel

  • in Bewegung, die Raum zum Spüren lässt

  • über den Atem – beobachtend oder begleitend

  • durch Offenheit gegenüber dem, was gerade da ist

Der Körper verfügt über eigene Regulationsmechanismen.
Wenn wir aufhören, permanent einzugreifen, werden sie oft wieder zugänglich.

 
 

Quellen

  • Raichle, M. E. et al. (2001). A default mode of brain function. PNAS.

  • Buckner, R. L. et al. (2008). The brain’s default network. Annals of NYAS.

  • McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress. Physiological Reviews.

  • Craig, A. D. (2002). Interoception. Nature Reviews Neuroscience.

  • Schulz, A., & Vögele, C. (2015). Interoception and stress. Frontiers in Psychology.

  • Farb, N. A. S. et al. (2010). Mindfulness meditation and self-reference. SCAN.

  • Tang, Y.-Y. et al. (2015). Neuroscience of mindfulness meditation. Nature Reviews Neuroscience.

  • Brewer, J. A. et al. (2011). Meditation and DMN activity. PNAS.

  • Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory.

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